Werkstattbericht zur Sub Altern Metro Map Fabian Stark/TONIC

Werkstattbericht zur Sub Altern Metro Map

Unsere Gedanken, die zur Sub Altern Metro Map führten: Wie wir eine neue Karte von Fluchtwegen nach Europa entwarfen.

Karten von Wegen nach Europa gibt es viele. Doch diese Karten verzeichnen nicht Menschen und ihre Erfahrungen, sondern nur Ströme und Fluten. In diesem Bild von Frontex markieren gar trapezförmige Pfeile aktuelle Hauptfluchtrouten – Europa scheint von allen Seiten (und besonders im Genitalbereich) durch Flüchtlingstrupps bedroht.

Klar drücken Pfeile und ihre Widerhaken nicht zwingend Invasion aus, sondern oft auch einfach Bewegung, wie bei sueddeutsche.de, taz.de und dem UN-Flüchtlingshilfswerk; daneben sammeln Projekte wie Migrants Files und das Refugee Project Unmengen von Daten, um Geschichten und Karten zu bauen, die nicht von bloßen Menschenmassen erzählen. Doch auch sie bieten keine Alternative zum Bild des überrollten Europas. Wir fragten uns darum vor einem Jahr: Wie sieht ein neues Bild von Flucht aus?

Ein U-Bahn-Plan wie unsere Sub Altern Metro Map ist zunächst eine Metapher, wie sie ähnlich schon die Underground Railroad im 19. Jahrhundert nutzte: Es gibt Umleitungen, Fahrerwechsel, unterschiedliche Tarifzonen – und Schienenersatzverkehr, wie im Sommer 2015 tatsächlich einige Fluchthelfer selbst ihr Tun nannten. Dazu konnten wir mit dem U-Bahn-Plan statt mit Statistik ausschließlich mit qualitativen Daten arbeiten: Jede Linie zeichnet die Reisegeschichte von jeweils einem Menschen nach. Das erzeugt Knotenpunkte und Stammstrecken, aber auch Ausreißer und Störungen.

Der Begriff “Schienenersatzverkehr” verrät es schon: Einen regulären Verkehr gibt es nicht. Im Vergleich zu den uns gewohnten Nahverkehrsnetzen in Berlin, Zürich und Castrop-Rauxel ist die Sub Altern Metro Map chaotisch, paradox und zerschossen – oft leider im wortwörtlichen Sinn. Uns Europäer irritiert die Karte, sie stört unser Selbstverständnis von Bewegung durch den öffentlichen Raum, ähnlich wie an Europas Rändern verschiedene Konzepte von Reisen aufeinanderprallen.

Was ist Gewalt? Schon das Ausharren im Kofferraum oder erst die Schüsse der libyschen Küstenwache?

Die Sub Altern Metro Map ist notwendigerweise unvollständig: Flüchtlinge vergessen Passagen ihrer oft sehr langen Flucht, manche verschweigen Details, um nicht abgeschoben zu werden. Journalisten erzählen nur das, was sie für wichtig halten. Unsere Karte lebt mehr von ihren Lücken als von ihren Anschlüssen. Trampelpfade sind selbstverständlicher Ausnahmezustand geworden für das Reisen in und nach Europa, und so sind auch die U-Bahn-Linien unserer Karte gleichzeitig institutionalisiert und provisorisch.

Ein U-Bahn-Plan vereinfacht, soll Übersicht schaffen. Was passiert aber, wenn man solch einen Plan mit Chaos füttert? Können wir Privatleute, die sich fürs Schleppen bezahlen lassen, mit organisierten Kartellen in einen Topf werfen? Und, nun ja: Was ist Gewalt? Schon das Ausharren im Kofferraum oder erst die Schüsse der libyschen Küstenwache? Wir waren gezwungen zu werten, und wie wir das jeweils getan haben, könnt ihr in unserer Dokumentation für jede Linie nachverfolgen.

Nur in einem enthielten wir uns der Wertung: Wir unterscheiden Flucht nicht nach Wirtschaftsmigration, Abenteuerlust oder Weglaufen vor Krieg, Terror und Verfolgung. Denn sie alle gründen auf wahren menschlichen Nöten, Sehnsüchten und Hoffnungen, die wir ernst nehmen sollten. Die Politik nutzt diese Kategorien nur, um ihr Scheitern mit Karteikarten wettzumachen. Deshalb lassen wir uns für die Sub Altern Metro Map nicht auf sie ein.

Fabian Stark

Die Druckkosten dieses Plakats stiftete die Onlinedruckerei viaprinto. Wir danken ihr herzlich für diese Unterstützung unserer Idee! Die Druckerei nimmt keinen Einfluss auf den redaktionellen Prozess oder die Inhalte von TONIC. Motive und Texte des Plakats geben folglich nicht notwendigerweise den Standpunkt der Druckerei oder ihrer Mitarbeiter*innen wieder; umgekehrt übernimmt sie keine Haftung für den Inhalt.

Die re:publica und was sie für TONIC bedeutet William Cohn

Die re:publica und was sie für TONIC bedeutet

Wir wissen nicht, was die re:publica ist. Wir nennen sie deshalb eine MeDigiTechnInkluCyBlogSex-Messe.

Wir wissen nicht, was die re:publica ist. Wir nennen sie deshalb eine MeDigiTechnInkluCyBlogSex-Messe (die größte in Europa!) – sie ist tatsächlich eine, auf der mensch viel lernen kann. Die TONIC-Chefredakteure Juliane und Fabian waren dort und verraten hier, was sie für unser hiesiges Magazin mitnahmen:

  • Auch andere denken über neue Formen des Journalismus nach. Oder tun so. Max Hoppenstedt von Motherboard sagt, man müsse heute subjektiv auf Leser, und für Juliane Leopold von Buzzfeed sind Medien eine Stütze der Demokratie. Die Talsohle der Allgemeinplätze ist damit noch nicht erreicht: Journalismus-Professoren diskutieren unter dem Titel “Vom Innovationsgeist zur Aufbruchsstimmung” darüber, ob Blogger nun Journalisten sind, oder umgekehrt, oder was auch immer. Wenn TONIC über, ja, Innovationen sinniert, dann starten wir doch lieber bei Plakaten, Bettwäsche und Bierdeckeln.
  • Obwohl: Es müssen nicht zwingend andere Medienmenschen die Musen sein, die uns küssen. Künstler knutschen besser. So etwa Aram Bartholl, der Online-Erfahrungen in die Offline-Welt übersetzt; oder das Schweizer Duo Bitnik, das Darknet-Roboter baut und laufende Kameras verschickt. Dank des Sketchnote-Workshops haben wir zeichnen gelernt. All das hat Methode, die auch journalistisch wirkt.
  • TONIC hat letztes Jahr einen Verein gegründet. Als gemeinnützig eingetragen ist er zwar noch nicht; aber sicher prüft sich unser Amt die Finger wund. Das Netzwerk Recherche kreidet an, dass Journalismus in Deutschland nicht als gemeiner Nutzen anerkannt ist. Nonprofit-Medien müssen darum auf andere Vereinszwecke ausweichen: Das Blog Topf voll Gold, das die aufgeblasenen Storys des Boulevards dekonstruiert, macht Bildungsarbeit zur Medienkompetenz – in Altersheimen mit der Frau aktuell im Gepäck. Wir sind gespannt, worauf es bei TONIC hinausläuft.

Unser Smalltalk-Akku ist leer und wir schließen mit den Worten des großen Zygmunt Bauman: „Privacy is important because there needs to be a time when you are alone with yourself.“ Es ist so simpel, doch entfällt es uns oft. Wir sind dann mal off!

TONIC-Update: Plakate, Redaktion und Website Manon Priebe/TONIC

TONIC-Update: Plakate, Redaktion und Website

Wir haben in den letzten Monaten an uns gefeilt und klären euch nun darüber auf.

Wir haben in den letzten Monaten an uns gefeilt, arbeiten an einem neuen Weg für TONIC und klären euch nun darüber auf:

Vom #Plakatjournalismus stehen noch zwei Poster aus: eines über Flucht durch Europa, eines über Clubdrogen in Berlin. Das mit dem „Journalismus zurück in den öffentlichen Raum“ haben wir uns anders ausgemalt. Mit den Cafés haben wir zu sehr die Wiener Kaffeehauskultur romantisiert, die Plakat-Themen sind uns in die Hände gefallen und wir haben sie auf DIN A2 ästhetisiert. Doch sollten sie irritieren, nicht verschönern. Darum denken wir die Plakate neu und über weitere Formen nach: Wo erregen bestimmte Geschichten am besten und wie erreichen sie die richtigen Leute? Was ist die Beziehung zwischen Aktivismus und Journalismus? Da wir aus unseren Erfahrungen lernen wollen, lassen wir uns für die bleibenden zwei Plakate Zeit; erwarten dürft ihr sie zwischen Juni und August. Danke für eure Geduld!

Auch online will TONIC weniger Contentflow und mehr aufreibende Recherchen, sodass wir mehr über Journalismus lernen und ihr bessere Geschichten lest. Darum verändern wir unsere Struktur von Textbearbeitungs-Redaktion zu Recherche-Teams, arbeiten langfristiger und setzen Themen individuell um. Für jedes Thema wollen wir dann eine geeignete Form suchen: Webreportagen, Geschichten auf Bettdecken oder on stage? Kann man journalistisch-künstlerisch Wirklichkeit schaffen oder eine Straße in ein Museum verwandeln? Wenn wir weiterdenken, was mit den Plakaten begann – der Abschied des Journalismus vom festen Platz –, verändern wir auch unser Selbstverständnis: Wir wissen nicht, ob wir TONIC darum bald besser interventionistisches Recherche-Kollektiv, journalistisches Kreativlabor oder experimentell-narrative Aktionsgruppe nennen sollten. Die Praxis liegt wohl dazwischen.*

Dazu bauen wir bis Sommer eine neue Website und verabschieden uns von ihrer kleinen Schrift und dem Kolumnen-Friedhof in der Sidebar. Dafür kommen größere Gestaltungsmöglichkeiten und ein vollends umgesetzter Gender-Button. Danke Christoph und Felix für das Aussehen TONICs heute wie morgen!

Auch wenn wir womöglich beim Namen TONIC Magazin bleiben.

Wo das Schiff hinsteuert Fabian Stark/TONIC

Wo das Schiff hinsteuert

Anfang Januar trafen wir uns zu einem Redaktionstreffen in Leipzig. Diesmal fragten wir uns existenziell: Was machen wir hier eigentlich die ganze Zeit?

Anfang Januar trafen wir uns zu einem Redaktionstreffen in Leipzig. Diesmal fragten wir uns existenziell: Was machen wir hier eigentlich die ganze Zeit? Was soll aus TONIC werden? Klar, ein gutes Magazin, das wir selbst lesen möchten. Schaffen wir das im Moment? Jein – wir lieben unsere Themen, aber viele aufwändigere Recherchen gehen unter, weil wir uns zu viel mit Contentflow* und Pipapo beschäftigen. Ab sofort hauen wir weniger Artikel raus und schippen stattdessen Kohle in die Öfen, die weniger Dampf machen und dafür die wichtigen Themen befeuern. TONIC darf nie aufgeblasenes Jugendprojekt werden und darum überraschen wir uns jetzt selbst.

Bei unserer Redaktionssitzung zogen wir auch ein Zwischenfazit zum #Plakatjournalismus. Die Plakate sollen künftig nicht nur schön, sondern plakativ sein, im Sinne von politisierend/subversiv. Dazu brauchen sie ein irritierendes oder originelles Statement. Um die Plakate in die Welt zu tragen, werden wir neue Vertriebswege erproben. Vielleicht findet ihr schon bei eurer nächsten Fernbusreise ein TONIC-Plakat auf eurem Platz.

* Unser letzter Artikel erschien Heiligabend 2014. Schritt 1 (die selben Köche, aber weniger Zutaten) ist also schon geschafft!