.

Betreff: WM-Pausen am Arbeitsplatz: Arbeitgeber reagieren gelassener als 2014

Der blaue Batzen dieser Umfrage steht für Deutschland. „Wir“ werden also mit absoluter Mehrheit Weltmeister, oder so.
Universität Hohenheim

Der blaue Batzen dieser Umfrage steht für Deutschland. „Wir“ werden also mit absoluter Mehrheit Weltmeister, oder so.

Im Posteingang seit 08. Juni 2018:

„Durchschnittlich 16 Minuten am Tag wollen sich Deutschlands Angestellte während der Arbeitszeit mit der Fußball-WM beschäftigen, ohne diese später nachzuholen.“

Diese Erkenntnis allein ist recht hohl, das erkannte offenbar auch der federführende Marketing-Professor der hier zitierten WM-Studie 2018, Markus Voeth von der Universität Hohenheim. Im Folgenden wurde daher die zugehörige Pressemitteilung mit dialektischer Sprühsahne garniert:

„Das bedeutet, dass eine WM neben positiven Auswirkungen (z.B. ein verbessertes Arbeitsklima) auch negative Auswirkungen auf die Arbeitsleistung der Arbeitnehmer während der WM hat. So gehen durch die 16 Minuten WM-Tratsch hochgerechnet 2,62 Mrd. Euro Bruttoinlandsprodukt während der WM verloren.“

Kann man so neoklassisch BIP-vergötternd sehen, wir sehen’s anders: 16 Minuten, das sind laut Uni Hohenheim 4 Minuten mehr als noch zur WM 2014. Setzt sich dieser Aufwärtstrend nun fort, werden wir eines Tages gar nicht mehr arbeiten wollen während der WM – nach Berechnungen der TONIC-Datenredaktion ist das schon bei der Fußballweltmeisterschaft im Jahre 2302 der Fall.

Das Beste: Wir müssen dann auch gar nicht mehr arbeiten! Wie betreffs bereits ankündigt, reagieren die Arbeitgeber nämlich „gelassen” aufs grassierende Torfieber.

„57 % erheben keine Einsprüche gegen Radiosendungen zur WM am Arbeitsplatz.“

TONIC geht das jedoch nicht weit genug und fordert, ab 14. Juni (Anstoß Russland–Saudi-Arabien) sämtlichen Kompensations-Gelüsten in der Arbeitswelt freien Lauf zu lassen. Und von euren Arbeitgebern Toleranz einzufordern: fürs ausgedehnte Instagram-Update genauso wie für die offene Sabotage des Ensembles eurer prekären Beschäftigungsverhältnisse. Wir empfehlen, einmal mehr zu beweisen: Sport ist politisch – andere Nebensachen noch viel mehr.

Fabian Stark

.

Betreff: Auktion der royalen PEZ-Spender “Harry & Meghan” eröffnet

Auf dem Bild sehen Sie einen royalen Verblendungszusammenhang.
PEZ/reichlundpartner

Auf dem Bild sehen Sie einen royalen Verblendungszusammenhang.

Im Posteingang seit 07. Mai 2018:

„Es ist soweit – Prinz Harry & Meghan Markle können nun online für den guten Zweck ersteigert werden. Noch bis Sonntag, 13. Mai, 22:00 Uhr MEZ ist es möglich, um das einzigartige PEZ-Spenderpaar live mitzubieten.“

Der Erlös der Versteigerung soll der britischen Make A Wish Foundation zugute kommen, die Kindern mit größtenteils lebensbedrohlichen Krankheiten ihre Wünsche erfüllen will – wie “nach Lappland reisen und den Weihnachtsmann treffen”, “Schildkröten füttern”, “Paläontologe werden” oder einfach nur “in den Urlaub fahren”.

Dieses durchaus humanistische Ansinnen wird konterkariert durch das Wesen des Auktionsgegenstands: beinahe reiner Zucker (laut Herstellerangaben 94,6 Prozent), in Plastik gehüllt, Heteronormativität mit royalistischem Antlitz – diese PEZ-Spender sind wahrlich ein Potpourri der anti-progressiven und -ökologischen Anachronismen.

Wir von TONIC sind nun vorerst überfordert von der Hegelschen Dialektik zwischen humanistischer Karitativität gegenüber Kindern einerseits und der Promotion von Plastikmüll, königlicher Verblendungszusammenhänge und Diabetes-Risiko andererseits. Wer sich nichtsdestotrotz am Thema Bonbonspender erquickt, lese die nicht uninteressante Kulturgeschichte der österreichischen Marke PEZ.

Fabian Stark

.

Betreff: Themenvorschlag – Nutellaschloss

Der Keuschheitsgürtel für den Mund
Chocloc/Katana Design

Der Keuschheitsgürtel für den Mund

Im Posteingang seit 19. April 2018:

„Hallo, wäre das nicht etwas für Eure Webseite/ Euer Magazin?

Es handelt sich um einen Brotaufstrichverschluss, der nicht nur Nutellagläser verschiedener Größen (450g, 500g, 750g oder 1000g), sondern auch diverse weitere Brotaufstriche (…) sicher vor Fressfeinden bewahrt.“

Es ist allein schon erschreckend, dass Hessenschau und das Erfinder-Magazin Einfach genial bereits vollkommen unkritisch über die oben angepriesene, sogenannte Chocloc berichteten – warum die Öffentlich-Rechtlichen damit ihren Bildungsauftrag mit Füßen treten, erklärt im Folgenden TONIC:

Die meisten Start-ups retten weder Mensch noch Planeten, sondern kompensieren lediglich die unterbewusst angestauten Schuldgefühle weniger Gründer gegenüber der Leistungsgesellschaft. Die beworbene Chocloc ist da ein Härtefall: Hier paart sich neoliberaler Gründungswahnsinn mit den manifesten Problemen des zeitgenössischen Kapitalismus:

  • pathologische Kapitalanhäufung (die Chocloc „schützt“ Schokocreme)
  • Konkurrenzdenken samt inhärent passiver Aggression (gegen „Fressfeinde“)
  • künstliche Beschränkung lebenswichtiger Güter (gegen „Schokocreme-Orgien“)
  • sexistisch-normative Körperbilder („idealer Weg zur Bikinifigur“)
  • völlig sinnentleerte Individualisierung, die nur dem Fortbestand von Markt und Neid dient („mit Wunsch-Zahlencode“)
  • Austeritätspolitik („leeres Schraubglas wird mit Chocloc zur Spardose“)

In a nutshell also ein ideologisch rundum verachtenswertes Produkt, das man weder kaufen noch verschenken oder bei TONIC anbiedern sollte.

Stoßt ihr beim nächsten WG-Casting auf einen Brotaufstrichverschluss, nehmt beide Beine in die Hände und rennt – Wohnungsnot ist nie so schlimm wie dich infantilisierende Mitbewohner. Meidet insbesondere Menschen, die ihren Besitz einer Chocloc als Ironie verkaufen. Ein Brotaufstrichverschluss markiert moralische Erhabenheit und die ist niemals lustig, sondern essenziell bösartig und reaktionär.

Werte Chocloc-Macher: Wir machen uns große Sorgen um euch, Menschen und Planeten. Lernt Barmherzigkeit und Demut, achtet auf eure Mitmenschen, verzeiht. Nimmt dir wer ein Nutellabrot, halte ihm ein zweites Nutellabrot hin.

Fabian Stark