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Zum ersten Mal installierte ich Tinder an einem besonders düsteren Januarnachmittag 2014. Ich wusste nicht genau, was ich suchte – weniger alleine sein, Abwechslung nach langen Bürotagen, irgendwas Bedeutsames. Mein erstes Profil war ungefährlich, eine hübsch-gefällige Variante meines kratzigen Selbsts.

Auf den Pendelfahrten von meiner Zwischenmiete im Mannheimer Städteraster zum Praktikum im Großraumbüro wischte ich nun endlose Gesichterketten entlang. Mit ein paar Gesichtern tauschte ich Worte aus, zwei traf ich. Ich und meine Dates rezitierten unsere Lebensläufe, mit Wein und ohne Funken. Allein fühlte ich mich weiterhin, während ich mich in dieser neuen Stadt verlief und ein paar Wochen später die App wieder deinstallierte.

* Hot oder Bot? Neben den unendlich vielen Scam-Bots, deren Ziel es ist, das Gegenüber in einem kurzen Flirtgespräch zu einem zahlungspflichtigen Onlinespiel oder einer Pornoseite zu lotsen, gibt es seit 2015 Auto Mate für faulen Tindernde. Der Bot nimmt einem die Daumengymnastik ab: Ein Algorithmus analysiert den Profiltext und bewertet Profile danach, wie viel nackte Haut pro Bild zu sehen ist und swipt dann rechts bei allen, die den Promiskuitäts-Test bestehen.

*

Doch langsam, über Monate und Jahre hinweg, fand ich heraus, was ich auf Tinder suchte – und wie ich suchen muss, um es dort zu finden. Mit jeder Neuinstallation änderte ich meinen Ansatz. 2015 folgte ich kleinen Zetteln, die Sebastian in Telefonzellen und Mauerspalten versteckt hatte. Das Jahr darauf tauschte ich drei Geheimnisse mit Henry, 2017 traf ich Robert auf einem Berliner Parkbaum, den wir durchkletterten, während sich die Aufregung der ersten Begegnung mit der der physischen Fallhöhe mischte.

Auf dieser Reise merkte ich: Tinder, das in allem so leicht erscheint, hilft mir nur bei sehr wenigen Schritten des Aufeinanderzugehens. Beim Rest des Weges lässt die App mich sitzen. Und verleitet dazu, beim Dating kühlen Strategien zu folgen, es zu optimieren und zu skalieren. Darum hab ich mich gefragt: Wie könnte ich Tinder anders nutzen, um gute Zeit mit neuen Menschen zu verbringen?

1.

20 Milliarden Matches

„Der Umsatz der Tinder-Mutter Match Group stieg um 36 Prozent auf 421,2 Millionen US-Dollar. (…) Hauptverantwortlich für die super Zahlen ist die Dating-App Tinder. Diese zählt aktuell 3,7 Millionen Abonnenten und konnte den direkten Umsatz um 136 Prozent im Vergleich zum Vorjahr steigern.“

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Jeden Tag wischen 10 Millionen aktive Nutzer in mehr als 190 Ländern zusammen 1,6 Milliarden Gesichter auf Tinder. Im Durchschnitt verbringen sie 35 Minuten mit der App und begegnen sich jede Woche auf 1,5 Millionen Dates. Mehr als 20 Milliarden Matches hat Tinder nach eigenen Angaben seit 2012 ermöglicht und dabei viel Geld verdient. Tinder schreibt sich auf die Fahne, „Produkte zu bauen, die Leute zusammenbringen“ und „Nutzer zu befähigen neue Verbindungen zu schaffen, die vorher unmöglich gewesen wären“.

Dazu legen Tinderfrischlinge ein Profil an. Das besteht aus bis zu neun Bildern und, soweit erwünscht, einem kurzen Text und einem Link zum Spotify- und Instagram-Account. Dann beginnen sie zu swipen. Jedes Profil, das ihnen angezeigt wird, kann nach links weggewischt oder nach rechts gelikt werden. Wenn zwei einander liken, können sie sich schreiben.

Auf anderen Plattformen wie OKCupid oder Match.com wissen Kontaktfreudige bereits mehr übereinander, bevor sie zu schreiben beginnen. Dazu kriegen sie eine algorithmische Einschätzung darüber, wie gut sie zueinander passen. Bei Tinder wird die Bewertung, ob man andere Leute attraktiv findet, sehr schnell und oft ausschließlich anhand von Bildern getroffen. Mehr Austausch ist erst danach möglich.

2.

Erste Schritte ohne Muffensausen

Als ich 2014 in der Regionalbahn nach Mannheim meine ersten Nachrichten schrieb, war diese Stadt voller Fremder auf einmal voll von Möglichkeiten. Die erste Nachricht bekam ich von Alex. Es war so, als würden wir ein paar Worte tauschen und antesten, ob wir den Rest der Fahrt zurück in die Stadt nebeneinander sitzen wollen – nur ohne pochende Herzen beim ersten Blickkontakt und ohne das Risiko, drei Stationen in seltsamer Stille beieinander zu sein. „Schönes Profil“, schrieb mir Alex und ich fragte ihn, wie sein Abend war, bevor sich unsere Unterhaltung zwei Tage später in der Masse der Smalltalks verlief.

Johan aus Berlin hat Tinder vor zwei Monaten installiert. Der Mittzwanziger beschreibt es so: „Die unglaublich vielen Profile auf Tinder machen es viel leichter Leute zu finden, die man kennenlernen könnte. ‚Könnte‘ ist in diesem Satz wichtig – durch Tinder kommt der Kontakt zustande, aber was damit passiert, ist total offen.“ Dabei weiß Johan eigentlich, was er sucht: Tiefgang und geteilten Sinn. „Wow, das ist ganz schön kitschig“, schiebt er hinterher.

Tinder schmeißt die Gesichter aller Unbekannten der umliegenden Kilometer zusammen, ob aus Bars, Wohnzimmern, Fitnessstudios oder Straßenbahnen. Es bringt diese Menschenfülle in wischbare Nähe – mehr neue Menschen, als man je analog treffen könnte. Tinder hilft uns, überhaupt Zugang zueinander zu finden.

Zudem macht Tinder das Aufeinanderzugehen gemütlich und ungefährlich. Sein Swipe nach rechts hat mir schließlich schon den Hinweis gegeben, dass auch er mich gerne treffen will. Statt im Moment die richtigen Worte finden zu müssen, kann ich sie abwägen und umdichten. Statt dem anderen und seinen Emotionen gegenüberzustehen, während ich in seine Welt breche, bin ich nach diesem ersten Antasten alleine mit mir. Ausgeklammert wird auch die Gefahr, einander nach einer Abfuhr wieder zu begegnen. Er sitzt eben nicht neben mir auf dem Vierersitz und wir werden uns auch nie an der Bushaltestelle treffen und betreten zunicken. Die Aufregung einer ersten Begegnung, eines ersten Blicks und Lächelns wird verschoben, bis wir einander ausreichend qualifiziert und eingeschätzt haben.

Tinder bringt also viele Gesichter in unsere Nähe und senkt die Hürde des ersten Kontakts. Doch um echte „Verbindungen zu schaffen“, wie Tinder es verspricht, braucht es mehr.

3.

Wo lässt uns Tinder im Stich?

Als ich im Januar 2014 von meinem zweiten Date in jener Mannheimer Weinbar nach Hause lief, war ich angetrunken, müde und dumpf. Auf dem Weg malte ich mir aus, wie ich wieder und wieder die gleichen Skripte mit anderen Darstellern durchspielen würde – wie sich die gleiche Szene endlos wiederholte: wie ich in einer anderen Bar und einem anderen Kleid auf einen anderen Mann traf, mit dem ich über eine andere, aber ähnliche Woche redete, über unsere Arbeit und unser Studium, über Debatten und Bücher und Lieblingsorte, während wir einander zwei Stunden lang gegenübersaßen und unsere Unsicherheit überspielten. Am nächsten Tag löschte ich die App von meinem Handy.

„The average female ‚likes‘ 12% of men on Tinder. This doesn’t mean though that most males will get ‚liked‘ back by 12% of all the women they ‚like‘ on Tinder. This would only be the case if ‚likes‘ were equally distributed. In reality, the bottom 80% of men are fighting over the bottom 22% of women and the top 78% of women are fighting over the top 20% of men.“

*

Während ich viele Matches bekam, die aber fade fand, hatte Johan zu Beginn seiner Tinderei ein anderes Problem. Er hatte fast keine Matches. Und „wenn du endlich Matches kriegst und mit Leuten ins Gespräch kommst, begreifst du schnell, wie wenig Gespräche daraus hervorgehen und wie wenig in Begegnungen münden“. So probierte Johan schließlich andere Profile und Strategien aus: „Dann musst du eben mehr Leute matchen und dazu aufhören, dir die Profile richtig anzuschauen. Ich fing an, Gespräche mit Standardnachrichten zu beginnen, um mehr Leuten schreiben zu können. Irgendwann wurde ich darin so gut, dass ich mich geschämt habe, so mechanisch mit anderen Leuten umzugehen.“

Männer swipen je nach Quelle drei- bis sechsmal so oft zu „Like“ wie Frauen. Wie Tinder sich anfühlt, hängt also stark davon ab, wer es wo benutzt. Viele Frauen werden mit Matches und Nachrichten überflutet, viele Männer hingegen müssen aus der Masse an Profilen herausstechen ohne selbst wählerisch zu sein, um überhaupt Matches zu bekommen.

Doch mehr Matches bedeuten nicht mehr Intimität. Das Unternehmen Tinder baut seine Anwendung so, dass möglichst viel gewischt wird – nicht mit dem Zweck, dass wir herausfinden, was wir wollen und uns verletzlich und nahbar zeigen. So landen viele Lose in der Tombola und wir fischen immer wieder nach einem Neuen, auf der Suche nach dem Hauptgewinn: irgendjemand, der unsere unausgesprochenen Vorstellungen vom guten Menschsein erfüllt, plus nette Überraschung und Sahne obendrauf. Was wir finden, sind Menschen, die genauso kompliziert und widersprüchlich sind wie wir. Eigentlich gar nicht schlecht, oder?

*Auch in Begegnungen der alten Schule konnten wir unserem Gegenüber unsere Hoffnungen und Projektionen überstülpen. Nur waren wir den Eigenarten des anderen dort schneller und direkter ausgesetzt.

Auf Tinder begegnen wir zu Beginn reiner Selbstpräsentation – wenn wir aber tatsächlich greifbar werden füreinander, machen wir uns angreifbar, früher wie heute. Das ist wichtig – denn wenn eine mich mag ohne mich gut zu kennen, dann meint sie nicht mich, sondern seine oder ihre Hoffnung darauf, wer ich sein könnte. Wenn ich hingegen auftauche in meinem Chaos, darin erkannt werde und der andere dafür Zuneigung fühlt, dann Hurra!

*

Aber manchmal ist es leichter zu verschwinden als sich darauf einzulassen, dass es viel zu klären gibt, wenn zwei Unbekannte sich begegnen. Ich erinnere mich an dieses knirschende Gefühl nach Dates, dass wir uns abarbeiten werden aneinander. Dass mir Inspiration fehlt, Leichtigkeit und Spaß. Dass wir uns schon zusammenraufen könnten, vielleicht sogar glücklich werden könnten beieinander. Aber dass es da draußen sicher jemanden gibt, der mir mehr geben kann, und ich ihm auch: mehr Entgrenzung, mehr Erkenntnis, mehr Kribbeln. Nach einem Tinderdate fragte ich mich oft, ob ich mit diesem Menschen lernen will, beieinander zu sein. Oder ob ich weiter fische, auf der Suche nach einer einfacheren Passung.

Johan hatte nach seinen ersten Begegnungen auf Tinder ein ähnliches Gefühl: „Nachdem ich mein Profil erstellt und mit dem Swipen begonnen hab, habe ich schnell bemerkt, dass es nicht klappt – ich finde nicht, was ich suche und frag mich, was zur Hölle da schiefläuft.“

Johan und ich hatten beide das Handy voller Leute und beginnender Gespräche. Und dabei keine Ahnung, wie wir da das Knistern hineinzaubern, auf das wir hofften, wenn die kleine Flamme auf unserem Bildschirm erscheint.

4.

Danke, Küchentisch

Die ersten beiden Male, die ich Tinder installierte, hatte ich mein Profil in einer Viertelstunde improvisiert – ohne darüber nachzudenken, was ich eigentlich wollte. Beim dritten Mal hatte ich einen langen Spaziergang hinter mir und neben mir ein Blatt Papier voller Notizen. Ich hatte mich gefragt, was mich erfüllt und was mich frustriert in Beziehungen zu anderen. Ich blickte auf die Auf und Abs der Nachrichten und Begegnungen, die diese App in mein Leben gebracht hatte. Bei manchen Begegnungen hatte ich das Gefühl, gesehen zu werden, Spaß zu haben und etwas Neues zu begreifen. Von denen wollte ich mehr.

Mein Mitbewohner, der mir von der anderen Seite unsers Küchentischs dabei zusah, wie ich meinem Swipen auf den Grund ging, nahm mein Handy in die Hand und formulierte einen Vorschlag, wie mein Tinderprofil aussehen könnte, wenn es ein Zwischenergebnis dieser Suche wäre nach dem, wer ich bin und was ich will. Er kennt meine Macken und mag mich trotzdem – was genau er schrieb, weiß ich nicht mehr, aber dass ich dankbar war für das Feingefühl, mit dem er ehrlich und zärtlich dieses Profil komponierte.

Freunde kennen die eigenen Muster und können helfen ein Tinderprofil zu schreiben. Oder du fragst dich selbst mit Zeit, Stift und Papier:

  • Was wünschst du dir, was di*er andere an dir erkennen soll?
  • Was schätzt du in Begegnungen und Beziehungen mit anderen?
  • Was möchtest du teilen mit dem oder der anderen?
  • Was hast du in deinen letzten Begegnungen darüber erfahren, was du erkunden und leben willst?
5.

Was nun?

Im Sommer 2017 merkte ich, wie sehr ich gemeinsame Improvisation und Spiel in Begegnungen schätze; da schrieb ich mein Profil noch einmal um. Wo vorher vier Sätze Selbstbeschreibung standen, sagte ich nun an, wie ich meine Zeit verbringen möchte:

Some of my ideas of how to spend our 1st hour(s) together. Curious about yours.

/ Boulder, then beer or cinnamon buns

/ Spend our first 20 min in silence. Then make out or part ways

/ Offer passersby custom made questions at your favorite U Bahn stop

/ Prototype and test important life decisions in an afternoon

/ Write short stories about strangers in a coffee shop. Ask for their feedback

/ Surveys, art supplies & mellow beats

Die meisten, die mich nach rechts schoben, waren bereit für kreative Abenteuer. Die Gespräche und Begegnungen, die daraus entsprangen, waren anders als jene in der Mannheimer Weinbar 2014, poetisch und spielerisch. Statt unsere Lebensläufe zu rezitieren, bedichteten wir die vorbeischwimmenden Enten am Spreeufer. Wir dachten uns Spiele aus, um Raum zu schaffen für das, was uns schwer fiel: aufhören mit dem Schlau-sein-Wollen, nicht mehr glänzen müssen. Wir wollten uns klein fühlen und darin okay beieinander. Wir kamen in Schwung.

* Einige Tinder-Konkurrenten bekommen das besser hin. Bei Meetmindful beantworten Suchende introspektive Fragen, wenn sie ihr Profil erstellen. Bei OkCupid füllen sie einen sehr, sehr langen Fragebogen aus, um zu erfahren, wie gut sie laut dem mysteriösen Algorithmus zu anderen passen.

Der Blog imGegenteil.de und der Instagram-Account @_Personals_ verfolgen einen ganz anderen Ansatz: Sie stellen einem breiten Publikum eine einzige Person vor. Diese Profile haben Raum für Stärken und Schwächen – die Frage ist nicht mehr, ob das hier das Beste ist, was wir rausholen können, sondern ob wir diese Person spannend finden.

*

Auf Johans Handy flammt es hin und wieder auf, wenn ein neues Match seine Aufmerksamkeit will. „Ich hab Tinder noch auf meinem Handy – das ist ja fast schon eine Norm, die App installiert zu haben. Nur für den Fall, dass es doch zu irgendeiner interessanten Begegnung führt.“

Tinders Kernmechanik, das Swipen, ist weiterhin einfach und ungefährlich. Es will nicht deep sein, sondern usable. So verschiebt das unerschöpfliche Menschen-Reservoir in unserer Hosentasche, was für ein Miteinander wir uns erhoffen; und wie viel wir an ihm arbeiten möchten. Fangen wir an, damit zu spielen.

*Schreiben wir „Frauen*“ oder „Männer*“, so tun wir das, da Tinder selbst von dieser binären Norm ausgeht. Zwar können Nutzerinnen ihr Geschlecht selbst frei eintragen – suchen lässt sich dann aber nur nach „Männern“, „Frauen“ oder „Männern und Frauen“.

Redaktion und Mitarbeit: Fabian Stark, Louka Goetzke