Für *Bildungspolitiker

Liebe Turbo-Studenten

12. Januar 2012
Von Timo Steppat

Timo studiert im fünften Semester, noch eines und er könnte seinen Bachelor haben. Doch das will er gar nicht. Denn: möglichst schnell die Mindestanzahl an ECTS-Punkten abstauben – das kann es doch nicht sein.

Auch mal links und rechts des schnellsten Weges zum Abschluss zu schauen, lohnt sich.

Auch mal links und rechts des schnellsten Weges zum Abschluss zu schauen, lohnt sich.

Ich war einer von euch. Ich hatte mir fest vorgenommen, das Studium so schnell wie möglich durchzuziehen. Natürlich Regelstudienzeit, was für eine Frage? Vielleicht geht’s ja auch ein bisschen schneller, dachte ich mir sogar. Niemals wollte ich einer dieser Langzeitstudenten werden, die den Absprung aus dem Uni-Leben, hinein in die "richtige Welt" nicht schaffen, die über Jahre im AStA arbeiten und anfangen Taxi zu fahren, weil irgendwann selbst die verständnisvollsten Eltern aufhören, monatlich Geld zu überweisen. Und natürlich: Der Lebenslauf. Ich dachte an meine späteren Arbeitgeber. Man darf heute keine Zeit vergeuden. Der Bachelor wurde schließlich eingeführt, um das Studium zu verkürzen: In nur drei Jahren einen berufsqualifizierenden Abschluss, hatten sich Politiker überlegt. Dadurch kommen die jungen Leute viel schneller ins Arbeitsleben – das bedeutet mehr Steuern, längeres Einzahlen in die Rentenkasse und insgesamt weniger Studenten. Ein volkswirtschaftliches Traumszenario.

Was das für uns bedeutet? Ein verschultes Studium, exakt durchchoreografierte Modulpläne, weniger Wahlfreiheit und mehr Kurse pro Semester. Es ist das ewige Bachelor-Dilemma, in dem nicht wenige das Ende einer umfassenden Bildung sehen. In den Debatten über die Reform der Hochschulabschlüsse schwingt dabei fast immer ein gewisser Kulturpessimismus mit, die Überzeugung alt gewordener Akademiker, dass "früher doch alles besser war" und die Jugend ja generell ein bisschen blöd sei. Die Studenten sind heute nicht dümmer, es wird ihnen aber deutlich schwerer gemacht, besagte umfassende Bildung zu erlangen.

Timo findet, ein Auslandsstudium gewinnt gerade dann an Reiz, wenn es nicht perfekt mit dem heimischen Modulplan abgestimmt ist.

Timo findet, ein Auslandsstudium gewinnt gerade dann an Reiz, wenn es nicht perfekt mit dem heimischen Modulplan abgestimmt ist.

Viele Kommilitonen beklagen das Gleiche: Sie würden sich gerne mit manchem Thema tiefgreifender auseinandersetzen, aber ihnen fehlt die Zeit. Zu viele Kurse, zu viele Prüfungen. Am Ende eines Semesters wird alles fleißig auswendig gelernt. An das Meiste kann man sich schon nach einem Monat nicht mehr so recht erinnern – es ist das berühmt gewordene Bulimielernen. Die Auswendiglerner werden in einer Vielzahl von Studiengängen belohnt. Um das Verfahren schön einfach zu halten, fragt man Daten ab und prüft damit nicht Wissen, sondern die Fähigkeit zum Auswendiglernen.

Ich bin im fünften Semester, befinde mich gerade im Ausland und müsste mir längst über das Thema meiner Bachelor-Arbeit bewusst sein. Noch könnte ich es schaffen: Im sechsten Semester ausstehende Prüfungen und Kurse machen, diese Abschlussarbeit schreiben und Schluss. Nächster Schritt: Master oder Job.

Aber ich will das nicht. Ich will mir lieber ein halbes oder sogar ein ganzes Jahr mehr Zeit nehmen, um mich auf meine Kurse wirklich vorzubereiten, um Hintergrundliteratur zu lesen, vielleicht mehr über die politischen Systeme in Südostasien zu erfahren, mich sozial zu engagieren oder ein längeres Praktikum zu machen.

Was Timos Oma damit zu tun hat und warum sie falsch liegt
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Kommentare

JohannesAm 17. März 2012

Warum sich dieser Artikel jetzt der Form der "Klageschrift" bedient, erschließt sich mir nicht ganz, schließlich teilt eine Mehrzahl, wenn nicht Überzahl der Studenten die Meinung, dass sie mit Bachelor-Leistungswahn nichts am Hut haben wollen - somit wettern wir hier also gegen ein Phänomen, dessen "Sog" so groß gar nicht sein kann, oder? Ich vermute, Turbo-Studieren und Leistungsdruck in dieser Hinsicht sind eine Sache des sozialen Umfeldes.

Hier wird ja beklagt, dass man "Bulimielernen" praktiziert. Ich frag mich aber, wer an eine ( am wahrscheinlichsten wohl ) staatliche Universität geht, nur um dort in pathetischer Manier in den Prüfungen die Bestnote abstauben zu wollen, ohne sich dafür zu interessieren. Was ich aber absolut nachvollziehen kann und auch selber glaube, ist, dass der momentane dreijährige Bachelor einen Studenten nicht mehr dazu befähigt, eine Gratwanderung zwischen Tiefe und Langlebigkeit der Lehre und zielstrebiges und zeitgemäßes Erreichen eines ansehnlichen Abschlusses zu machen. Abschließend aber stört mich an Timos Ausführungen irgendwie, dass er das Sichzeitlassen als Luxus beschreibt. Dies ist ohne den Hintergrund irgendeines sozialen Leistungsdrucks doch ohne Weiteres machbar, auch im Studium. Luxus ist hingegen, sich im Herzen Zeit lassen zu wollen, dann aber der Regelstudienzeit und den guten Noten soviel Bedeutung beizumessen und folglich beides will - und sich dann daran stößt, dass das nicht geht. Inwieweit Bologna Schuld daran ist, ist fraglich. Aber über die Sinnhaftigkeit eigener Ambitionen sollte man mal "sinnieren", wenn man dem Sichzeitlassen doch soviel Wichtigkeit zukommen lässt. Im Grunde genommen aber ein guter und notwendiger Artikel, danke!

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